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Vor meinen Füßen tut sich ein riesiger, tiefer, dunkler Abgrund auf. Es ist mein ganz persönlicher Abgrund. Ich starre hinein und kann nichts erkennen. Ich kicke einen kleinen Stein über den Rand und lausche. Nichts ist zu hören. Kein platsch! – kein tock! – kein pling! – oder sonst ein Geräusch, das auf die Tiefe und Beschaffenheit des Abgrunds hindeuten könnte. Vor meinen Füßen ist nichts außer Finsternis.

Ich stand schon öfters vor diesem Abgrund. An unterschiedlichen Stellen und mit wechselnden Menschen auf der gegenüberliegenden Seite. Es sind Menschen, die mich unterstützen und begleiten möchten auf meinem Weg durch die Berge und Täler meiner Psyche.

Ich freue mich, dass diese Menschen mir die Hand reichen wollen; mir helfen wollen, meinen Weg zu gehen. Auf meiner Seite des Abgrunds bin nur ich gemeinsam mit meiner Hündin. Trotzdem fühle ich mich oft einsam und es wäre schön, etwas Nähe zu Menschen und Gemeinschaft zu erfahren. Dafür muss ich aber auf die andere Seite kommen.

Eine Frau auf der anderen Seite winkt und ruft mir zu, dass ich über den Abgrund springen soll. „Spring rüber. Du kannst mir vertrauen. Ich werde dich auffangen, wenn du strauchelst oder fällst.“

Diese Frau scheint freundlich zu sein. Aber kann ich ihr wirklich vertrauen? Obwohl sie fachlich kompetent ist und schon andere Menschen durch unwegsames Gelände begleitet hat, kann ich mir nicht sicher sein, dass sie sich auch in meinen Gelände mit all den Fallgruben, Nebelfeldern und Sümpfen zurechtfindet. Ich werde es erst wissen, wenn ich vertraue, mich einlasse und neue Erfahrungen sammle.

Wer vertraut, sichert sich nicht gleichzeitig über tausend Seiten ab. Vertrauen und Sich-Absichern schließen sich gegenseitig aus. Vertrauen beruht auf einer inneren Sicherheit. Das Wissen und der Glaube daran, immer und überall vom Leben gehalten und auch selbst den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein. Und genau diese innere Sicherheit fehlt mir bzw. einigen meiner Ichs. Da ist kein Vertrauen untereinander und auch nicht anderen Menschen gegenüber. Selbst bei Tieren fällt es schwer – gelingt aber wenigstens nach einiger Zeit. Im Kontakt mit Menschen fahren jedoch sofort die inneren Sicherheitssysteme hoch.

Warum müssen denn wir auf die andere Seite springen? Kann die Frau nicht erst auf unsere Seite kommen und wir springen dann gemeinsam rüber?“, fragt ein kindliches Ich in meinem Inneren.

„Warum sollte sie das tun?“, frage ich zurück.

„Weil wir dann sehen, ob der Abstand nicht doch zu groß ist. Wenn sie reinfällt, ist es für uns auch zu weit.

Das zeigt uns doch nur, ob sie den Sprung schafft – falls sie ihn schafft, und nicht, dass wir es auch können“, mischt sich jemand anderes im Innen ein.

Richtig“, erwidere ich. „Und es wäre auf keinen Fall hilfreich, wenn die Frau in den Abgrund stürzt. Wir brauchen sie noch. Wir müssen einen anderen Weg finden, hinüber zu kommen.

Immer wieder schaue ich zur anderen Seite und versuche, den Abstand einzuschätzen. So weit sieht es gar nicht aus. Aber was ist, wenn beim Absprung irgendwer im Innen blockiert? Dann wären selbst zwei Meter zu weit und wir würden hineinstürzen. Oder wenn sich der Abstand während des Sprungs plötzlich vergrößert? So, wie bei Kontinentalplatten, die auseinander driften. Egal, welche Vorstellung mir in den Sinn kommt, es endet immer mit einem Sturz in den Abgrund. In unendliche Finternis und Wahnsinn. Es bliebe uns nur ein Dahinvegetieren in einem Raum zwischen den Welten. Eine grauenvolle Vorstellung. Ich schaffe es gerade nicht, mir glaubhaft vorzustellen, dass wir auf der anderen Seite wieder Boden unter den Füßen spüren werden.

Traurig sitze ich am Rand und werfe weitere Steine in den Abgrund. Vielleicht muss ich nur genug Steine hinunter werfen. So viele, bis der Abgrund gefüllt ist. „Das ist Unsinn. Wie viele Steine sollen das denn sein?! Der Abgrund ist viel zu tief.“ – Ja, so einfach wird eine Idee vom Tisch gewischt.

Was kann ich nur tun? Wie oft habe ich schon an diesem Abgrund gestanden und bin dann resigniert wieder fortgegangen? Was hält mich zurück, einfach hinüberzuspringen? Ist der Abstand wirklich zu weit oder geht es noch zusätzlich um die Person auf der gegenüber liegenden Seite?

In mir gibt es Ichs, die würden lieber sterben, als noch ein Mal beim Sprung über den Abgrund in die Finsternis und den Wahnsinn zu stürzen. Nie wieder solche Schmerzen und Ohnmacht, indem wir uns anderen Menschen schutzlos ausliefern.

*****

Vertrau mir! Dieses Mal wird es gar nicht weh tun.“ WAS FÜR EINE LÜGE!

Schmerzen im Unterleib und aufsteigende Panik machen sich breit. Körpererinnerungen! Bilder dazu werden im Innen gleich unterdrückt. Wer dort gerade die Regie führt, weiß ich nicht. Aber ich hoffe, dass unter den Ichs irgendwann genug Vertrauen vorhanden ist, damit ein Zeigen dessen, was geschah, in einem geeigneten Umfeld möglich und auch aushaltbar ist.

*****

Dieser Abgrund steht symbolisch für all das, was in der Vergangenheit meine Fähigkeit zu vertrauen, zerstört hat. Und der Sprung hinüber würde bedeuten, erneut zu vertrauen. In meine eigene Wahrnehmung; in meine Kraft; in die Quelle des Lebens, die alles zusammenhält und jedes Lebewesen trägt; Vertrauen darauf, dass die Seele unsterblich ist, niemals verloren geht und alles nur zu meinem Besten geschieht; und damit auch Vertrauen in die Geschehnisse in meinem Leben und zu den Menschen – besonders zu denen, die aufrichtig helfen wollen. Aber wie kann ich unterscheiden, wer mir aufrichtig helfen und wer mich in den Abgrund stoßen wird? Menschen sind gute Masken-Träger. Mich selbst eingeschlossen.

Ohne Vertrauen gleicht das Leben einer fortwährenden Isolationshaft. Vertrauen ist für mich untrennbar mit dem Gefühl der Verbundenheit verknüpft. Fühle ich mich verbunden, entsteht Nähe. Nähe kann aber nur auf einer vertrauensvollen Ebene entstehen. Und auch die Liebe kann nur auf einer vertrauensvollen Ebene gelebt werden. Daher habe ich oft das Gefühl, dass ich niemanden lieben kann. Weil ich mich nie richtig verbunden fühle. Das gelingt mir nur in seltenen Fällen und auch nur, wenn ich mit mir allein bin.

Vertrauen bedeutet für mich: mich fallen lassen, mich hingeben, mich auf jemanden oder etwas einlassen, zulassen, loslassen, auf jegliche Sicherheiten verzichten und an das Gute, an die Liebe in Allem glauben.

Ich kann das einfach nicht. Ich kann nicht so tief vertrauen, dass ich mich innerlich in einer Art berühren lasse, dass etwas heilen kann. Weder innerhalb meines Innensystems, also unter den einzelnen Ichs, noch im Außen gegenüber anderen Menschen. Wenn ich mich auf Menschen oder Situationen einlasse, geht das nicht ohne innerliche Sicherheitsvorkehrungen. Das schließt Vertrauen automatisch aus. Im Kontakt mit Menschen bin ich angespannt, scanne permanent mein Gegenüber und die Umgebung auf mögliche Gefahren oder Angriffe und innerlich schließen sich Türen und Tore, um vor Verletzungen zu schützen. Einzelne Ichs werden weggeschickt, verschwinden im Untergrund und verstecken sich, während andere, die nicht so empfindlich sind, im Außen agieren. Auf diese Weise können die abgetauchten Ichs aber keine neuen, positiven Erfahrungen machen, stecken weiter in ihrer Angst und mein Leben bleibt so eingeschränkt und einsam wie bisher. Wenn ich das ändern möchte, muss ich das Sicherheitssystem deaktivieren und mich vertrauensvoll dem Leben und den Menschen öffnen. Ohne Vertrauen ist keine wirkliche Nähe und Verbundenheit möglich.

Dieses fehlende Vertrauen zeigt sich auf so vielen Ebenen in meinem Leben: in meinem „maskierten“ Auftreten nach außen; im Unter- oder Überschätzen von Grenzen, weil ich oft meiner Wahrnehmung nicht traue; in zwischenmenschlichen Kontakten, in denen keine Nähe und Wärme entstehen; in der eingeschränkten Freizeitgestaltung, der Zurückhaltung meiner Wünsche und einer Zukunftsplanung, die nur aus Luftschlössern besteht. Ich traue mir einfach nicht das zu, wozu ich sehr wahrscheinlich mit einem stabilen, tragenden Vertrauen fähig wäre. Ein paar wenige Erfahrungen von „wie es ist, wenn ich wenigstens ein kleines Bisschen vertraue“ konnte ich in meinem Leben glücklicherweise trotzdem sammeln. Umso mehr frustriert es mich, dass es momentan wieder gar nicht geht. Zumindest nicht in so wichtigen Kontakten wie zu meinen Ichs und zu Menschen, die mir aufrichtig helfen möchten.

Wie kann ich Vertrauen zurückgewinnen? Und was braucht es im Innen, um nicht sofort das Sicherheitssystem zu aktivieren?

Zunächst ist es sinnvoll, das Sicherheitssystem nicht zu verteufeln. Denn es ist nicht grundlos entstanden und im Laufe der Jahre immer mal wieder um einige Stufen erweitert worden. Der Weg kann nur sein, die Sicherheitsstufen Schritt für Schritt zu reduzieren, anstatt sie mit einem Schlag ausschalten zu wollen. Das würde sowieso nicht funktionieren. Für das Herunterfahren des Sicherheitssystems braucht es im Kontakt mit mir selbst, mit meinen Ichs und auch mit anderen Menschen auf jeden Fall

  • Ehrlichkeit,
  • Zuverlässigkeit,
  • bedingungslose Offenheit und Akzeptanz,
  • Rücksichtnahme und Entgegenkommen,
  • Klarheit in Wort und Tat
  • und ganz viel Geduld und Ausdauer.

Beginnendes Vertrauen ist so zerbrechlich. Ein einziges Wort, eine Grenzüberschreitung kann das Vertrauen ganz schnell wieder zerstören und Misstrauen kehrt zurück.

Misstrauen entsteht durch negative, verletzende Erfahrungen. Daraus resultiert dann die Angst, Situationen oder dem Handeln anderer Personen nicht gewachsen zu sein und erneut verletzt zu werden. Misstrauen zeigt sich bei zu wenig Vertrauen in die eigene Kraft, die Fähigkeiten oder die eigene Person. Misstrauen trennt mich vom Anderen. Misstrauen unterstellt böse Absichten, grenzt aus und hinterlässt in allen Beteiligten ein schlechtes Gefühl. Einige Menschen halten ein „gesundes“ Maß an Misstrauen für sinnvoll, damit man sich nicht blindlings in gefährliche Situationen bringt. Ich persönlich finde jedoch, dass Misstrauen im Leben generell hinderlich ist. Egal, wie klein das Misstrauen ist – und wenn es nur winzige Spuren sind: Misstrauen verhindert, mich auf Herzebene verbunden zu fühlen und auch frei entscheiden und agieren zu können. Und wenn ich mich aus lauter Misstrauen dann noch dem Leben und den Menschen verschließe, nehme ich mir damit jegliche Möglichkeit, noch etwas Positives zu erfahren. Außer dem, was ich in meiner eigenen kleinen Welt erlebe. Und in dieser kleinen Welt fühle ich mich ohne Verbundenheit und Austausch mit anderen Menschen sehr einsam.

Gerade die Verbundenheit birgt Gefühle von Zugehörigkeit, Geborgenheit und Nähe. Das hat jedes soziale Wesen am Anfang seines Lebens gefühlt. Verbundenheit ist so ein grundlegendes Bedürfnis, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie Menschen ohne dieses glücklich leben können. Das tun sie wahrscheinlich auch nicht. Denn viele versuchen, diesen Mangel über andere Kanäle auszugleichen und sich abzulenken. Über Arbeit, Konsum, Genussmittel, Sex, eine große Anzahl „virtueller“ Freunde usw.

Wie viele Menschen fühlen sich mit sich selbst, mit ihrer Seele, und mit der Quelle des Lebens verbunden? Und wie viele Menschen laufen mit einem geringen Selbstvertrauen durch die Welt? Vertrauen und Verbundenheit gehören für mich untrennbar zusammen.

Vertrauen betrachte ich als die absolute Basis, um ein freies, glückliches und erfülltes Leben zu führen. Manch einer mag mich vielleicht naiv oder leichtsinnig nennen, wenn ich jetzt schreibe, dass es mein langfristiges Ziel ist, immer und jedem zu vertrauen – egal, wie er, sie, es agiert. Mich völlig zu öffnen für die Geschehnisse – egal, was passiert. Mich hinzugeben und alles anzunehmen. Denn alles, was geschieht, geschieht zu meinem Besten.

Ein Leben in absolutem Vertrauen ist voller Möglichkeiten, Wunder, Freude und Glück.

Im Vertrauen zu mir selbst, könnte ich mein Potential frei entwickeln und meine Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen. Im Vertrauen zu anderen Menschen könnten gemeinsame Projekte entstehen. Wir könnten uns gegenseitig ergänzen und viel größere Dinge schaffen und Veränderungen bewirken als jeder für sich allein. Im Vertrauen ins Leben wären Rückschläge, Misserfolge und sogar Schmerzen erträglich, weil ich sie als Wegweiser und Signale für erforderliche Richtungswechsel betrachten würde. Und im Vertrauen in die Wahrnehmung meiner Gefühle und Sinneseindrücke würde ich sicher durch unbekanntes Gelände navigieren. Ich würde mich sicher und geborgen fühlen. Selbst dann, wenn mein kleines Boot im Sturm auf der offenen See hin- und hergeworfen würde.

Das wäre ein völlig anderes Leben als ich es jetzt führe. Das wäre schon ein bisschen wie „nicht von dieser Welt“.

Tja, im Augenblick stehe ich aber immer noch vor dem Abgrund und traue mich nicht, hinüber zu springen.

Ich bin nicht in der Lage, zu vertrauen und den Abgrund mit einem einzigen Sprung zu überwinden. Und auch die Entscheidung, jetzt springen zu wollen, wird mir nicht die erforderliche Kraft dafür verleihen. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Vertrauen kann nur langsam wachsen. Wie ein Baum, der in die Richtung des Lichts wächst, das auf der anderen Seite strahlt, und dessen Äste dann irgendwann den Abgrund überspannen werden. Dieser Baum braucht starke und tiefe Wurzeln des Selbstvertrauens, damit er so nah am Abgrund bestehen kann. Noch ist der Baum klein, aber ich werde ihn pflegen, bis er groß genug ist, um mich über den Abgrund zu tragen.

Und mit Hilfe der Frau von gegenüber schaffe ich es dann bestimmt auch, eine Strickleiter in seine Äste zu hängen und in den Abgrund hinabzusteigen.

Um zu schauen, welche verlorenen Anteile von dort unten gerettet werden wollen.


Bild: Pixabay, natureworks (https://pixabay.com/de/abstrakt-dekoration-dekorativ-bunte-772506/)

 

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2 comments on “008 Vertrauen am Abgrund

  1. Wunderbar, wie du dein Inneres beschrieben hast! Beim Lesen deines Textes dachte ich schon die ganze Zeit, da ist auch noch ein Grund im Abgrund. Ich kenne das. Ich kenne die Erfahrung in den Abgrund steigen oder rutschen oder fallen zu müssen, um weiter zu kommen. Ich durfte erleben, dass ich wieder herausfinde und zwar verwandelt. Mein Anker war der Glaube. Den wünsche ich Dir von ganzen Herzen.

    Gefällt 1 Person

    1. Christiane sagt:

      Ich danke dir. – Ja, hinter dem Glauben steht eine starke Energie und ohne wären die Menschen ziemlich verlassen. Ich habe meinen Glauben wiedergefunden. Etwas verändert als noch zu Kinderzeiten, dafür aber umso kraftvoller.

      Gefällt 1 Person

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